RENNCLUB
HALLE(SAALE) e.V.
Pferderennen
Rennbahn
Renntage
Rennbahnterrassen
Zeitreise mit der Flagge
HALLE/MZ/GS. Andre Best hat Glück gehabt. Seine Aufgabe mit dem fünf Jahre alten Hengst For Pro war beim Rennsonntag in Halle eigentlich unlösbar. Der Jockey wusste das vorher: "Mit ein bisschen Glück ist vielleicht ein dritter Platz drin. Aber da müsste alles nach Plan laufen." Weil aber auch beim Galopprennen die Theorie manchmal völlig wertlos ist, gehörte Best am Ende zu den Siegern des Tages. Weil in diesem Rennen so gar nichts nach Plan lief - und damit alles für Best.
Sein Jockey-Kollege Pascal Jonathan Werning hat ungewollt mitgeholfen, weil er mit seiner Stute Wellaria vorher die Startmaschine so demolierte, dass sie für dieses eine Rennen, es war das vierte des Tages, nicht mehr zu gebrauchen war. Der Starter musste das Feld mit der Flagge auf die Reise schicken. Das war vor drei Jahrzehnten auf allen Galopprennbahnen die normalste Sache der Welt, seit Einführung der Startmaschinen wird das aber nur noch im Notfall praktiziert. Jochen Müller, Halles Trainer-Legende mit über 1 000 Siegen, ahnte sofort, was kommen würde. "Jetzt gewinnt nur ein erfahrener Reiter, der den Flaggenstart noch beherrscht."
Der 40 Jahre alte Best, der jetzt bei 911 Siegen auf deutschen Galopprennbahnen steht, kam als Erster weg und am Ende auch weit voraus ins Ziel. Best: "Ich habe den Flaggenstart vor vielen Jahren in Warendorf gelernt, weil es dort keine Startboxen gab. Ich habe es noch nicht verlernt."
Die heimische Trainerin Angelika Glodde hatte in diesem Rennen mit Kallynus und Rohan zwar zwei favorisierte Pferde, aber eben mit Bettina Streu und Piotr Krowicki auch zwei Reiter, die sich mit der Flagge nicht so gut auskannten. Dabei hatte es für Glodde beim allerersten Renntag des Jahres in Halle hervorragend begonnen. Die vier Jahre alte Stute Kariba gewann völlig überraschend mit Krowicki das erste Rennen des Tages. Es war Karibas erster Sieg überhaupt.
"Es hat so gut begonnen, aber dann kam leider nichts mehr", sagte die Trainerin. Auch im Hauptrennen kam nichts heraus, weil die hochgehandelte Stute Lautenspielerin schwach lief. So gab es auch in diesem Rennen über 2 200 Meter, dotiert mit insgesamt 5 000 Euro Geldprämien, einen Außenseitersieg. Der fünf Jahre alte Wallach Focus gewann bei seinem Saisoneinstand ganz knapp vor Rose Of Deploy. So knapp, dass das Zielfoto alle Zweifel beseitigen musste. "Ich war mir meiner Sache überhaupt nicht sicher. Ich habe auch nicht bemerkt, dass da auf der Innenbahn noch jemand herangeprescht kam", sagte die 26 Jahre alte Hamburgerin Anna-Katharina Bromann. Sie durfte in diesem Rennen noch ein Kilo Gewichtserlaubnis in Anspruch nehmen. Doch dieser Bonus hatte sich bald erledigt, denn der Sieg mit Focus war der 49. in ihrer Reiter-Karriere, nach dem 50. darf sie sich Jockey nennen. Bromann: "Das soll jetzt so schnell wie möglich passieren. Das ist Auszeichnung und Anerkennung. Kein Problem, dass damit auch die Gewichtserlaubnis wegfällt."
Best und Bromann waren zwei Gewinner des Renntages. Ein weiterer war der Rennclub Halle. Der lag mit seiner weitsichtigen Entscheidung, den Beginn des Renntages wegen des deutschen Spiels bei der Fußball-WM auf 11.30 Uhr vorzuverlegen, goldrichtig. 4 500 Zuschauer kamen zu ungewohnter Zeit auf die Passendorfer Wiesen. Darunter viele Frauen und Kinder, der sehnliche Wunsch von Präsident Gerd Vleugels nach einem attraktiven Familienrenntag hatte sich erfüllt.
Zufrieden waren die Veranstalter auch mit dem Wettumsatz von knapp über 100 000 Euro. Perfekte Voraussetzungen, um mit den zahlreichen auf der Bahn verbliebenen Zuschauern im Anschluss auch noch das Spiel der deutschen Fußballer gegen England zu genießen.
Frühschicht auf den Passendorfer Wiesen
HALLE/MZ/GS. Gerd Vleugels ist Fußball-Fan durch und durch. Und natürlich hat auch er den Fahrplan für die deutschen Mannschaft in Südafrika im Kopf. "Ich bin mir zwar immer noch nicht sicher, wie die beiden bisherigen Spiele richtig einzuordnen sind, aber ich gehe natürlich davon aus, dass wir Gruppensieger werden." Und damit hätte der Präsident des Rennclubs Halle ein mächtiges Problem. Denn Deutschlands Achtelfinalspiel würde dann am Sonntag um 16 Uhr genau mit dem ersten Galopprenntag
der Saison in Halle kollidieren. "Die Renntermine wurden schon im vergangenen Jahr festgelegt. Zu einem Zeitpunkt, als noch nicht einmal die WM-Auslosung über die Bühne gegangen war", sagt Vleugels. Dann sah er schnell das Dilemma und ihm war klar, dass "wir gegen die Konkurrenz mit einem deutschen WM-Spiel nicht bestehen können. Dann hätten wir nur ein paar Hundert hart gesottene Fans auf der Bahn gehabt und ein dickes Minusgeschäft gemacht." Also hat Vleugels eine Premiere für Halle erfunden: eine Frühschicht auf der Rennbahn.
Der Renntag beginnt nun am Sonntag zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Zeit. Bereits um 11.30 Uhr. "Acht Rennen stehen auf dem Programm, das letzte ist kurz nach 15 Uhr zu Ende. Damit schaffen es alle Fußball-Fans noch rechtzeitig bis zum Anstoß vor den Fernseher", sagt Vleugels.
Und er ist überzeugt, dass er die Bahn am Sonntag so richtig voll bekommt, nahe an die 10 000 Zuschauer. Denn er hat diesmal noch einiges mehr im Angebot. "Es soll ein richtiger Familientag werden. Deshalb gibt es freien Eintritt für Frauen und für Kinder unter 14 Jahren. Dazu kostenloses Ponyreiten und das gewohnte gastronomische Programm", sagt Vleugels. "Das sollten genügend Argumente sein, um auch die fußballverrücktesten Männer mal für ein paar Stunden aus dem Fernsehsessel zu locken."
Größere organisatorische Probleme sind mit der Frühschicht für die Veranstalter nicht zu erwarten. Auch für die von auswärts anreisenden Trainer ist alles vorbereitet. "Sie können schon am Abend vorher mit ihren Pferden nach Halle kommen", sagt Vleugels. Die insgesamt 96 Gästeboxen werden mit frischem Streu ausgelegt, bleiben zwar unverschlossen, werden aber rund um die Uhr von einer Sicherheitsfirma überwacht. "Die Trainer können jederzeit ihre Pferde einquartieren und den Stall verschließen. Das ist seit vielen Jahren gängige Praxis."
Vleugels selbst wird den Heimweg am Sonntag bis zum WM-Spiel um 16 Uhr nicht mehr schaffen. "Das ist kein Problem, es gibt auf der Bahn genügend Fernseher. Dort kann ich das Spiel in Ruhe verfolgen", sagt er. Und dort ist nicht nur für den Präsidenten Platz. "Jeder Rennbahnbesucher ist natürlich herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam das Spiel zu sehen", sagt er. Kurzzeitig hatte er sogar damit geliebäugelt, eine große Videowand auf der Bahn zu installieren. Doch den Plan hat er rasch verworfen. "Wir sind eine Open-Air-Veranstaltung. Wenn es am Ende regnet, wäre der ganze Aufwand umsonst gewesen."
Und wer weiß: Vielleicht wird Deutschland ja auch Gruppenzweiter und spielt sein Achtelfinale am Samstagabend.